Glückauf!
Die WAZ hat mich heute per Mail interviewt. Aus Gründen der Transparenz hier die Rohdaten:
Am 18.03.2012 17:32, schrieb [NAME]:
Hallo Herr Neuhaus,
hier schicke ich Ihnen nun meine Fragen. Vielleicht können Sie mir auch noch kurz schreiben, seit wann es die Piraten in Castrop-Rauxel gibt und wie viele Mitglieder die Partei hier zählt. Und ihre Funktion bei den Piraten müsste ich noch erfahren.
Die Piraten in Castrop-Rauxel haben sich erstmals im Frühjahr 2009 zu einem Stammtisch in der Gaststätte “Kulisse” getroffen; im selben Jahr haben wir auch eine Crew in Castrop-Rauxel gegründet [Crews sind "die kleinste Organisationseinheit" der Piraten]. Aktuell schätze ich unsere Mitgliederzahl in Castrop-Rauxel auf ca. 12-15 Piraten – wobei die meisten eher passive Mitglieder sind. Meine “offizielle” Funktion bei den Piraten ist Pressesprecher für die Stadt Castrop-Rauxel. Parteiintern arbeite ich mit anderen Piraten an innenpolitischen Themen für Bund und Land und versuche unser Meinungsfindungsprogramm “LiquidFeedback” parteiintern zu bewerben.
Die Umfragewerte der Piratenpartei liegen aktuell bei sechs Prozent. Die Partei könnte also den Sprung in den Landtag schaffen. Wie schätzen Sie persönlich die Chancen ein?
Ich persönlich halte den Einzug in den Landtag für durchaus realistisch. Unser Landesvorstand hat als Ziel 8% ausgerufen – das halte ich persönlich für “sehr” optimistisch – aber nicht für unmöglich.
Wie wollen Sie sich nun für die bevorstehenden Wahlen aufstellen?
Wir werden zunächst am 22.3. in Recklinghausen einen Kreisparteitag zur Aufstellung der Direktkandidaten abhalten. Am darauf folgenden Wochenende (24.-25.3.) findet in Münster ein Landesparteitag zur Aufstellung der Listenkandidaten statt. Ein Programmparteitag im April ist ebenfalls in Planung. Wenn diese “Formalitäten” abgeschlossen sind, wird der eigentliche Wahlkampf in die “heiße Phase” gehen. Dies bedeutet in erster Linie Infostände, Stammtische, Plakatierung, Pressearbeit und vieles mehr.
Welche Vorbereitungen laufen, auch in Castrop-Rauxel?
Auf Grund unserer schwachen personellen Decke in Castrop-Rauxel, werden wir uns in erster Linie den aktiven Piraten im Kreis Recklinghausen anschließen. Da auch andere Kreisstädte personell eher schwach aufgestellt sind halten wir es für sinnvoll, die Energien zu bündeln und z.B. wandernde Infostände zu realisieren.
Gibt es bereits einen Spitzenkandidaten, den die Partei aufstellen will?
Aktuell haben wir noch keinen Spitzenkandidaten gewählt. Wir werden die komplette Liste am Wochenende des 24.+25.3. in Münster wählen. Wer am Ende auf Platz 1 stehen wird ist völlig offen und derzeit nicht absehbar.
Wie viele Direktkandidaten werden wohl aufgestellt?
Wir werden versuchen, für jeden Wahlkreis einen Direktkandidaten aufzustellen. Auf Grund der engen Fristen, der nötigen Formalitäten und der erforderlichen Vorbereitungen kann dies aber nicht für jeden Wahlkreis garantiert werden.
Was werden die Themen der Piraten in Nordrhein-Westfalen sein?
Unser NRW-Wahlprogramm aus 2010 umfasst 20 Kernthemen. Diese beinhalten sowohl “klassische” Piratenthemen wie z.B. Datenschutz, Transparenz und Bildung, aber auch wichtige Themen wie Wirtschaft, Recht, Umweltpolitik und Suchtpolitik. Das Wahlprogramm wird bei den anstehenden Programmparteitagen sicherlich noch erweitert und verfeinert.
Wie wird der Wahlkampf in Castrop-Rauxel aussehen?
Wir werden versuchen, in Castrop-Rauxel genau so präsent zu sein, wie in den Wahlkämpfen 2009 und 2010. Dies wird allerdings aufgrund der knappen Personaldecke sehr schwierig – und ohne Hilfe von Neumitgliedern oder externer Hilfe kaum zu realisieren sein.
Die Grünen-Chefin Claudia Roth sagte vor wenigen Tagen, die Grünen müssten genauer hinter die Fassade der Piraten gucken und kritisch fragen, was die denn eigentlich an politischen Lösungen für das hoch verschuldete Nordrhein-Westfalen anzubieten haben. Welche politischen Lösungen haben die Piraten anzubieten?
Zunächst finde ich es sehr befremdlich, dass Parteien, welche die desolate Finanzsituation in NRW mit zu verantworten haben, nun ausgerechnet von uns Piraten Lösungen erwarten. Dennoch ist es unser erklärtes Ziel, entsprechende Lösungen zu liefern. Das aktuelle Landeswahlprogramm der Piraten aus dem Wahlkampf 2010 ist sehr umfangreich und geht auch auf wirtschaftliche Themen ein. Natürlich sind wirtschaftliche Themen nicht unsere Kernkompetenz, aber auch in diesem Themenbereich erarbeiten unsere Arbeitskreise stets neue Ideen, Lösungen, Programmpunkte und Positionspapiere. Das wir im Bereich Wirtschaft noch einiges zu lernen haben ist unbestritten. Und wir sind uns dieser Aufgabenstellung sehr bewusst. Vor der Findung von Lösungen steht jedoch die Analyse des IST-Zustandes. Um überhaupt einen detaillierten Einblick in die NRW-Finanzen zu erlangen, fordern wir in unserem Wahlprogramm beispielsweise “Öffentliche Listen von Landesgeldern und den dazugehörigen Verträgen” und die “Offenlegung von großen Landesausgaben und -verträgen”.
Zudem sind die Landesfinanzen zwar auch für uns Piraten ein sehr wichtiges Thema, aber eben auch nicht das einzige Problem. Beispielsweise ist der sofortige Stopp des stattfindenden Abbaus von Bürgerrechten (aktuelle z.B. durch den Einsatz von Staatstrojanern in NRW) für uns mindestens genau so wichtig, wie die Landesfinanzen.
Wie positioniert sich die Partei zu landespolitischen Themen?
[Off the record: Diese Frage ist so allgemein, dass mir eine passende Antwort zugegebenermaßen schwer fällt. Bei 20 Kernthemen, teilweise mit vielen Unterpunkten kann ich leider keine knappe Antwort leisten, welche unserem Wahlprogramm gerecht würde. Gerne können Sie sich aber ein paar Themengebiete aussuchen, welche aus Ihrer Sicht für Ihre Leser besonders interessant wären, dann würde ich zu den Punkten Antworten nachliefern. Gerne auch telefonisch.]
Wofür stehen die Piraten, inwiefern können sie das Land nach vorne bringen?
In erster Linie stehen die Piraten für Transparenz und mehr direkte Demokratie. Wenn wir diese beiden Themen in der politischen Kultur des Landes NRW verfestigen, so wird dies aus unserer Sicht das Land nach vorne bringen. Je besser Entscheidungsträger und Bürger durch eine transparente Politik über Abläufe und Vorgänge informiert werden, desto besser erwarten wir die Qualität der daraus resultierenden Entscheidungen. Und wenn der Bürger bei der Entscheidungsfindung stärker als bisher eingebunden wird, dann ist dies auch eine Willensbekundung um Änderungen tatsächlich durchführen zu wollen. Aktuell findet Politik weitestgehend ohne Bürgerbeteiligung statt – und genau das führt aus unserer Sicht zu steigender Politik-Verdrossenheit und dem damit einhergehenden Misstrauen gegen Politiker. Wenn wir das Land nach vorne bringen wollen, dann müssen wir das gemeinsam tun. Politik, Wirtschaft und Bürger.
Die Piratenpartei hat ja bereits ganz klar gesagt, dass sie weder
regieren noch koalieren will: Wird es eine Fundamentalopposition geben, wenn der Einzug gelingt?
Ein solcher Standpunkt der NRW-Piraten ist mir nicht bekannt. Es mag sein, dass einige wenige Piraten eine solche Meinung vertreten, der Landesverband in Summe ist jedoch sehr offen und keinesfalls fundamental. In der Poltik geht es immer auch um die Abwägung von Kompromissen – und genau so wollen wir auch im Parlament arbeiten. Wir können nichts ausschließen, solange wir nicht das Für und Wieder analysiert und bewertet haben. Dies gilt sowohl für Entscheidungen zu Einzelthemen, als auch für Zusammenarbeiten mit anderen Parteien, Verbänden und Vereinen.
Wo sehen Sie Schwächen der Piraten, gerade auch vor dem Hintergrund, dass der Wahlkampf für die Partei überraschend gekommen sein dürfte?
Die größten Herausforderungen im anstehenden Wahlkampf sind sicher das Personal (manpower) und die Finanzierung des Wahlkampfes. Fast alle Piraten in NRW arbeiten ausschließlich ehrenamtlich in ihrer Freizeit für die Partei – neben Job, Studium oder Schule. Und finanziell kommen neben den üblichen Ausgaben für Werbemittel, Plakatierung, etc. auch noch die Kosten für die ungeplanten Parteitage. Da in unserer basisdemokratischen Partei jedes einzelne Parteimitglied stimmberechtigt ist, müssen entsprechende Räumlichkeiten angemietet werden.
Sollten die Piraten den Sprung in den Düsseldorfer Landtag schaffen,
rückt dann das Ziel Bundestag 2013 näher?
Das sehen wir so. Wir sind in Berlin in das Abgeordnetenhaus eingezogen und wir wollen im Saarland, in Schleswig-Holstein und in Nordrhein-Westfalen in die Landesparlamente einziehen. Nach dem Einzug in das Abgeordnetenhaus in Berlin sind unsere Umfragewerte stets gestiegen, daraus leiten wir ab, dass die Bürger unsere Politik und unseren Politikstil honorieren – und das wollen wir natürlich auch im Bund für die Bürger leisten.
Erhoffen Sie sich von dem möglichen Sprung in den Landtag auch einen Schub für die Piraten in Castrop-Rauxel?
Jein. Ich bin mir sehr sicher, dass nach dem Einzug in das Landesparlament nochmal mehr Interesse an der Piratenpartei (auch in Castrop-Rauxel) entstehen wird – das war auch schon nach der Berlinwahl spürbar. Und so sehr wir uns auch über motivierte Neumitglieder freuen, so bedenklich finden wir es auch, dass wir auch mit Neumitglieder (teilweise aus anderen Parteien) rechnen müssen, welche die Piraten eher als Sprungbrett für ihre eigene Agenda nutzen wollen, als unsere Philosophie und unseren Politstil nach außen zu tragen und umzusetzen.
